4. Zusammenfasung

Umweltethik ist ein sehr weit gefasster Begriff und bezieht sich im Kontext der Nachhaltigkeitsüberlegungen zum Beispiel auf das dauerhafte menschliche Überleben auf der Erde und Fragen wie der intergenerationellen Gleichheit. Trotz seiner Verschiedenheit befindet sich der Begriff der Nachhaltigkeit noch in der Entwicklung. Das kann zum Beispiel an der Ausdifferenzierung seiner Inhalte festgestellt werden, aber auch in der Entwicklung des Konzepts der Nachhaltigkeit selbst.

Grundsätzlich müssen zwei Ansätze unterschieden werden:

1.  die optimistische Sichtweise der „schwachen“ Nachhaltigkeit, wonach für fast alle Funktionen des natürlichen Kapitals ein Ersatz durch andere Kapitalarten möglich sein soll. Diese Ersatz- oder Substitutionsprozesse sollen dann zugelassen werden, wenn das vorhandene Kapital insgesamt auf diese Weise erhalten bleibt;

2.  die „pessimistische“ Betrachtungsweise sieht eine solche Substituierbarkeit kritisch und sieht sie keineswegs als gegeben an. Diese Konzeption der „starken“ Nachhaltigkeit vertritt die These, dass die intergenerationelle Gerechtigkeit verlange, dass „die Bestände verschiedener Kapitalarten unabhängig voneinander in biologischen bzw. physikalischen Maßstäben erhalten bleiben. Das gilt insbesondere für das natürliche Kapital.

Das plausiblere Konzept der starken Nachhaltigkeit hat für eine praktische Umsetzung als Handlungsanweisung drei Managementregeln entwickelt, die den natürlichen Kapitalstock dauerhaft gestalten sollen. Diese Managementregeln sind sowohl makro- und mikroökonomisch anwendbar wie auch auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene. Sie beinhalten die Grundsätze, dass die Abbaurate für regenerative natürliche Ressourcen nicht ihre Regenerationsrate überschreiten soll. Stoffeinträge in ein Umweltmedium nur soweit kontrolliert zugelassen werden können, dass sie seiner Assimilationsfähigkeit entsprechen und keine Gefährdung seiner Funktionen bewirken können und dass aufgrund des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, dem Entropiegesetz, jede Nutzung nicht-regenerativer Ressourcen in letzter Konsequenz den verfügbaren Bestand reduziert. Deshalb wird hierfür eine „quasi-nachhaltige Nutzung gefordert. Das bedeutet: „Nicht-regenerative Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger Ersatz in Form regenerativer Ressourcen oder einer höheren Produktivität natürlicher Ressourcen in ihrer Nutzung gewährleistet ist.“

Es stellt sich die Frage, wie dieses anspruchsvolle Konzept in die Praxis umgesetzt werden kann. Dafür ist auf nationaler Ebene, in Deutschland, die „Nationale Nachhaltigkeitsstrategie“ als wirksamste Strategieform neben anderen entwickelt worden. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie wurde im Jahr 2002 angenommen. Seitdem bestimmt sie den Verlauf der nachhaltigen Entwicklung in Deutschland. Sie trägt den Titel „Perspektiven für Deutschland“ und schließt spezifische Aufgaben und Ziele ein. Die Richtlinien weisen den Weg, die Richtung in die Deutschland sich bewegen muss, um nachhaltiger zu werden. Sie beinhalten das Spektrum der intergenerationellen Gerechtigkeit, der Lebensqualität, des sozialen Zusammenhalts und der internationalen Verantwortlichkeit.

Aber um dieses Spektrum in die Realität zu transformieren sind zusätzliche Managementregeln erforderlich. Das sind Indikatoren und Zielbestimmungen. Indikatoren zeigen an, wo wir auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung stehen. Ziele machen den Handlungsbedarf deutlich und sind für eine Erfolgskontrolle wichtig. Die Nachhaltigkeitsstrategie enthält daher zu 21 Themen insgesamt 38 Indikatoren. Die Zahl der Schlüsselindikatoren wurde bewusst klein gehalten. Mit wenigen Kennziffern soll rasch ein Überblick über wichtige Entwicklungen ermöglicht werden. Für ein umfassendes Bild ist es wichtig, die Indikatoren nicht isoliert, sondern im Gesamtsystem zu betrachten.

Die Indikatoren sind mit konkreten und – wo sinnvoll und möglich – mit quantifizierten Zielen verknüpft. Damit werden sie für das politische Handeln relevant. Bei der Nachhaltigkeitsstrategie geht es darum, Zielkonflikte auszubalancieren und so weit wie möglich miteinander in Einklang zu bringen. So ist zum Beispiel Wirtschaftswachstum mit Klimaschutzzielen vereinbar, wenn es mit Effizienzsteigerungen oder strukturellen Veränderungen einhergeht.

Auch 2012 hat die Bundesregierung einige Indikatoren und damit verknüpfte Ziele überarbeitet. Entscheidende Kriterien waren dabei Kontinuität und Transparenz. In diesem Rahmen wurden einzelne neue Ziele aufgenommen, unter anderem Langfristziele mit der Perspektive bis zum Jahr 2050 im Energie-/Klimabereich. Einzelne Indikatoren wurden geändert, unter anderem um ihre Aussagekraft zu erhöhen oder um sie mit auf EU-Ebene vereinbarten Zielen in Einklang zu bringen. Um den Bereich der fiskalischen Nachhaltigkeit stärker abzubilden, wurden zwei neue Teilindikatoren eingeführt.

Ein anderes neues Instrument ist das Berichtssystem und der Dialog für Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist ein Leitbild für die Politik der Regierung. Aber nicht nur Staat und Politik, jede und jeder Einzelne ist gefordert, sich für dieses Ziel einzusetzen. Nachhaltige Entwicklung kann nicht vom Staat verordnet werden. Nur wenn alle Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft, Bürgerinnen und Bürger das Thema zu ihrer Sache machen, wird nachhaltige Entwicklung gelingen.

Der umfassende Dialog zur Nachhaltigkeit startete im Herbst 2010. In der ersten Phase von September bis November 2010 stellte die Bundesregierung ihre Vorschläge für die inhaltlichen Schwerpunkte des neuen Fortschrittsberichts zur Diskussion: "nachhaltiges Wirtschaften" und "Wasser". In einer zweiten Dialogphase von Juni bis September 2011 konnte der Entwurf der Bundesregierung zum Fortschrittsbericht 2012 diskutiert werden.

Am 15. Februar 2012 hat die Bundesregierung den jüngsten Fortschrittsbericht zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Nachhaltigkeit hat als Leitprinzip menschlichen Handelns in allen Bereichen der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen. Dies zeigt sich an den Indikatoren wie an den politischen Strukturen.

An diesem Punkt stellt sich kritisch die Frage, ob die oben genannten Ziele der nachhaltigen Ressourcennutzung in irgendeiner Richtung bisher erreicht worden sind. Das lässt sich relativ „einfach“ an den beiden Kriterien messen, ob sich

1.  der „ökologische Fußabdruck“ reduziert hat und ob

2.  für jeden die Lebensqualität gestiegen ist. So war im Jahr 2012 am 22. August der gesamte Vorrat an Naturressourcen verbraucht, die auf der Erde im gesamten Jahr 2012 erzeugt worden ist. Das heißt, dass von diesem Datum ab die von da ab erzeugten Mengen an Müll und Emissionen nicht mehr absorbiert werden konnten (sog. Earth Overshoot Day). Dieses Datum tritt jedes Jahr etwas früher ein. „Nach vier Jahrzehnten Erdpolitik steuert der Planet immer noch auf den Kollaps zu, den der Club of Rome für die Mitte des 21. Jahrhunderts vorhersagte.“

Auch um die Verbesserung der Lebensqualität als Verheißung des guten Lebens für alle dürfte es nicht besser bestellt sein. Abgesehen von der Steigerung des quantitativen Wachstums (Bruttosozialprodukt) und der damit verbundenen Anhäufung von Waren, ist nach allgemeiner Ansicht offensichtlich keine verlässliche Lebensqualität für jedermann eingetreten, wie sie das Ziel einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise ist. Dafür können die bekannten Studien der WHO und der FAO aus all den letzten Jahren und Jahrzehnten als Belege herangezogen werden. Dieses kritische Zwischenfazit soll dennoch nicht die Vielzahl an Maßnahmen abwerten, die seitens der Politik auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene oder von Unternehmen und betrieben inzwischen durchgesetzt wurden; ebenso wenig die Maßnahmen im konsumtiven Bereich. Im Gegenteil: Ohne sie sähe die Nachhaltigkeitsbilanz absolut verheerend aus.

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