2. Die Entwicklung des Begriffs „Nachhaltigkeit

Abgesehen davon, dass dieser Begriff seine Wurzeln vor ca. 300 Jahren in der deutschen Forstwirtschaft hatte, gelangte er zu politischer Bedeutung erst in den Debatten und Konferenzen zum Brundtland-Report und dem Rio-Prozess. Geboren wurde er als „sustainable development“ am 5. März 1980, als die „World Conservation Strategy“ mit dem Untertitel „Living Resource Conservation for sustainable Development“ in 35 Hauptstädten der Welt gleichzeitig vorgestellt wurde. Es heißt dort in der Einleitung, dass die Beziehungen zwischen Menschheit und Umwelt sich immer weiter verschlechtern würden, bis nachhaltige Formen der Entwicklung zur Regel würden. Vom Naturschutz ausgehend wurde so ein Begriff geschaffen, der einen Strategiewechsel im Umweltschutz markiert: weg von punktuellen Feuerwehreinsätzen zu langfristig planendem Handeln. Schon die Vollversammlung der „Internationalen Union für die Bewahrung der Natur und der natürlichen Ressourcen“ (IUCN) hatte im Jahre 1969 sowohl zu der weiten Begrifflichkeit wie auch der strategischen Ausrichtung beigetragen. Sie hatte in diesem Diskussionszusammenhang den Begriff „Lebensqualität“ als zentral angesehen und damit die ökologischen, sozialen und ästhetischen Werte gemeint, die „die menschliche Erfahrung bereichern und ihr Bedeutung und Befriedigung verleihen“. Und zugleich wurde auch „conservation“ als Leitbegriff der Organisation präzisiert. Man rückte von einem bloß konservierenden Naturschutz als nicht mehr zeitgemäß ab, weil der Ausschluss jeglicher Nutzung von Arten und Lebensräumen nicht mehr zeitgemäß sei. „Hinzu kommen müsse das „Management“, also die Überwachung, Erforschung, Verwaltung – und Nutzung von Luft, Wasser, Böden, Mineralien und lebenden Arten, Naturschutz und die höchste nachhaltige Lebensqualität –highest sustainable quality of life – gehörten zusammen.“ Und die Bewahrung und Nutzung von lebendigen Ressourcen setzt Vielfalt voraus, wie sie sich im Begriff der Nachhaltigkeit und seiner augenscheinlichen Unbestimmbarkeit spiegelt.

Der „Brandt Bericht“ von 1981 mit dem Titel „North-South“ nahm nicht nur den Begriff „sustainability“ mehrfach auf, so als „biological environment“ und „sustainable prosperity“. Vor allem wurde der Begriff „Entwicklung“ neu definiert, um „von der ständigen Verwechslung von Wachstum und Entwicklung wegzukommen“. Entwicklungsstrategien dürften nicht mehr als lediglich auf das Wachstum des Bruttosozialprodukts und des Lebensstandards ausgerichtet sein. Vorrangig sei es, das Ziel einer gerechten Einkommensverteilung zu erreichen; vorrangig seien auch die Entfaltung der produktiven Möglichkeiten und des menschlichen Potenzials. Auch dies gehört zur Nachhaltigkeit im weiteren Sinn.

Der Brundtlandbericht vom 27.April 1987 formulierte den Schlüsselsatz zur Nachhaltigkeit, auf den immer wieder zurückgegriffen wird: „Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Die hier angesprochenen Bedürfnisse sind grundlegende Bedürfnisse. Und Entwicklung bedeutet dann die Befriedigung dieser grundlegenden materiellen Bedürfnisse für jeden Menschen durch ökonomisches Wachstum zu ermöglichen (Quality of Life). Nachhaltige Entwicklung bedeutet dann, eine neue Balance zu gestalten zwischen Mensch und Natur, zwischen den Kulturen der Welt und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Kurz gesagt: wir haben hier einen neuen zivilisatorischen Entwurf vorliegen.

Damit stellt der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ darauf ab, dass die Lebens- und Produktionsgrundlagen gesichert werden, aber im Sinne der dauerhaften und globalen Erhaltung der Umwelt. Ebenso sollen das Wirtschafts- und Sozialverhalten entwickelt und stabilisiert werden. Seit der Formulierung dieses Schlüsselsatzes zur Nachhaltigkeit haben sich die Bedeutungen der offenen Begriffe sustainable development und sustainable growth verschoben. Im Brundtland-Bericht wird noch sehr der anthropozentrische Aspekt sehr betont mit der Gewichtung auf wirtschaftlichem Wachstum. Inzwischen wird sustainable growth im Sinne wirtschaftlichen Wachstums nur auf die quantitativen Größen wie Inlandsprodukt oder Volkseinkommen bezogen. Sustainable development berücksichtigt dagegen vor allem die qualitativen Aspekte in einem umfassenderen Sinn. Das lässt sich zum Beispiel daran festmachen, dass neben der ursprünglich verfolgten dauerhaften Entwicklung nun auch die zukunftsfähige und tragfähige Entwicklung einbezogen werden. Der deutsche „Sachverständigenrat für Umweltfragen“ spricht deshalb schon im Jahre 1994 von einer „dauerhaft umweltgerechten Entwicklung“.

Damit können wir feststellen, dass spätestens seit der Verabschiedung des Aktionsprogramms der Agenda 21 auf der UN – Konferenz in Rio de Janeiro für Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992 ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit als integrale Teile einer umfassenden Nachhaltigkeit verstanden werden. Mit diesem Aktionsprogramm sollten die theoretischen Vorgaben für die praktische Wirklichkeit des wirtschaftlichen und sozialen Lebens umgesetzt werden.

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